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Wohnen fasziniert mich, seit ich denken kann. Ständig fällt mir etwas auf, das mich staunen macht – in Wohnungen, in Gebäuden, im öffentlichen Raum. Wir leben und entfalten uns im Raum, ohne den Raum um uns herum ist Leben und Handeln gar nicht denkbar. Unser Lebensraum prägt uns von frühester Kindheit an, und später denken wir vielleicht, dass Leben (und Wohnen) nur so möglich ist, wie wir es „daheim“ gelernt haben – egal ob es uns heute noch glücklich macht oder nicht. Oder wir wollen genau so nicht mehr wohnen und suchen ganz anders geartete Wohnumgebungen. Oder wir ziehen mit einem geliebten Menschen zusammen, der/die ganz fremde „Ge-Wohn-heiten“ mitbringt. Und schon entstehen Konfliktherde – oder vielleicht doch lieber aufschlussreiche Gespräche über die Art, wie wir geworden sind und wo die Ursprünge unserer Verhaltensweisen und Vorlieben liegen. 

Das sind Momente, in denen uns die Wirkmächtigkeit des umgebenden Raums erstmals so richtig bewusst wird. An dieser Stelle werde ich immer wieder meine Beobachtungen, Gedanken und Empfindungen im Zusammenhang mit allem, was im weitesten Sinne Raum, Wohnen und Leben betrifft, mit Ihnen teilen. Außerdem werde ich Ihnen hin und wieder Bücher und Texte über das Leben im Raum vorstellen, die mich beeindruckt haben und die ich Ihnen gerne ans Herz lege. Genau damit fange ich heute gleich mal an:

Wohn Sein

Ein Buch übers Wohnen von Mag. Helga Gumplmaier und Dipl.-Ing. Helmuth Seidl Edition Va Bene, 2014, € 25,–

Die Soziologin/Lebensberaterin und der Architekt/Gestaltpädagoge haben gemeinsam ein, wie ich finde, unverzichtbares und umfassendes Compendium über die erstaunlichen Einflüsse der Wohnumgebung auf unser Lebensgefühl geschrieben. Sie haben das Konzept des Novagramms (neun Felder) als eine Art Raum-„Aufstellung“ der Wohnumgebung (in Anlehnung an die Familien-Aufstellung) geschaffen. Ihr Wissen haben bis 2016 in ihren Lehrgängen weitergegeben sowie in der systemischen Beratungsarbeit mit Klienten mit großen Erfolgen umgesetzt. 

Leser:innen erfahren viele Details von den historischen und philosophischen Wurzeln des Wohnens über verschiedene Grundrissformen bis zu den Auswirkungen bestimmter Lebensthemen auf das Leben im jeweils zugeordneten Wohnraum haben.
Fazit: Das Buch bietet unerwartete Erkenntnisse und fördert konstruktives Nachdenken über das eigene Wohnen. Wer bis dahin Wohnen für selbstverständlich und bedeutungslos für unser Wohlbefinden gehalten hat, wird staunend eine neue Welt betreten. Das Buch ist auch über mich beziehbar. Schreiben Sie mir unter: beratung@novagramm.at

Drinnen

Ein Buch von Emily Anthes Harper Collins, 2021, € 20,–

Die US-Wissenschaftsjournalistin präsentiert zahlreiche Belege aus unterschiedlichsten Forschungsfeldern dafür, dass „Innenräume unser Leben auf weitreichende und manchmal überraschende Weise prägen“. Wussten Sie zum Beispiel, dass die zahllosen Mikroben in einem Haushalt exakt darüber Aufschluss geben können, ob Frau, Mann und /oder Hund/Katze darin wohnen? Oder wie ausschlaggebend räumliche Gegebenheiten für die Genesung von Patient:innen ist? Nicht nur eigene Krankenzimmer für jede(n), um gefährliche Keime fernzuhalten, sind essenziell, auch der freie Blick auf die Natur – Bäume, Himmel, Blumen – wirkt nachweislich heilend.
Um die Bewegung und Beweglichkeit von Kindern in Schulen und Bürger:innen in der Stadt zu fördern, entstand „aktives Design“: Statt des Aufzugs werden z. B. Treppenhäuser leicht zugänglich und auffällig bei Hauseingängen platziert und mit aufmunternder Musik beschallt – um zum gesundheitsfördernden Stiegensteigen zu motivieren. Viele Gesundheitsanreize wurden auch in Schulversuchen eingesetzt: Turngeräte und weiche Bodenmatten in der Aula, Treppen näher am Eingang als den Lift, Obst und gesunde Speisen leichter erreichbar für Kinderarme platzieren etc.

Mit dem Hype ums Großraumbüro und die zunehmend verbreiteten Springerplätze in Firmen räumt Anthes endlich auf. Ständiger ablenkender Lärm, nicht individualisierbare Umweltbedingungen wie Temperatur, Luftzufuhr, Lichtverhältnisse, mangelnde Privatsphäre beim Telefonieren usw., verunsichernde Tischplatzierung im Großraum rauben den Mitarbeiter:innen extrem viel Energie, führen zu vermehrten Krankenständen durch physische und psychische Überbelastung – und reduzieren auch noch indirekt den Erfolg der Firma. Die Autorin beschäftigt sich auch mit den räumlichen Haftbedingungen in Gefängnissen, mit der Optimierung von OP-Sälen, mit der Architektur hochwasserresistenter, weil schwimmender Hochhäuser … aber auch mit der ethischen Grenzziehung zwischen Forschungsmethoden zum Wohl von Mitarbeitern, Patienten, Kindern – und deren Überwachung.
Fazit: Für mich war’s ein absolut lesenswertes Eintauchen in die Welt der vielfältigen Wirkweisen von Raumgegebenheiten auf uns Menschen in allen nur erdenklichen Lebensbereichen. Manche Forschungsergebnisse kann man wohl als vorhersehbar einstufen, andere sind tatsächlich unerwartet und umso spannender.

Who we are depends on where we are

Artikel in Stanford News, veröffentlicht in: Journal of Personality an Social Psychology Quelle: news.stanford.edu/2020/06/11/who-we-are-depends-on-where-we-are/

Ich war begeistert – so eine schöne Bestätigung, wie wichtig es ist, sich mit dem Einfluss des Lebensraums auf unser Befinden auseinanderzusetzen (und gleich eine Bitte an Politik, Architekten, Baumeister …): Eine Studie der Universität Stanford, USA, durchgeführt am Beginn der Corona-Zeit, hat ergeben, dass Menschen je nach den Örtlichkeiten, an denen sie sich viel aufhalten, offenbar ihre Persönlichkeit verändern. Wenn sich Personen viel an „social places“ aufhalten, sind sie tendenziell offener, freundlicher, bewusster und weniger ängstlich, als wenn sie sich sehr viel zuhause aufhalten. Unser Zuhause ist üblicherweise der Ort, an den wir uns nach unseren Tätigkeiten in der Außenwelt zurückziehen, wo wir entspannen, Routinen unterbrechen und neue Kraft tanken.

Während der Lockdowns haben die meisten Menschen fast die gesamte Zeit ausschließlich in ihren vier Wänden zugebracht – und dies hatte vielfach große Auswirkungen auf ihr Befinden, ihre Gefühle und sogar ihre Persönlichkeitsmerkmale. Manche Teilnehmer gaben an, dass sie ihre Kreativität verloren, vermehrt schlechte Laune hätten und sich ängstlicher fühlten, unter anderem vielleicht deshalb, weil sie immer in der gleichen Umgebung waren und kaum anregende Reize erfuhren. Die Studienergebnisse legen nahe, dass die Orte, die wir häufig aufsuchen, nicht nur unser Denken, unsere Gefühle und unser Verhalten beeinflussen, sondern mit der Zeit sogar unsere Persönlichkeit verändern können. Fazit: Noch mal: Welch schwergewichtiges Argument für persönlichkeitsförderndes Wohnen!

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