Zu meiner Berufung, der Lebensraumberatung, kam ich in mehreren Stufen. Besonders ist mir ein ausschlaggebendes Erlebnis Mitte der 2000er Jahre in Erinnerung. Es geht um mein damaliges Lebensgefühl in der Wohnung, in der ich noch immer lebe …
Den Arbeitsbereich einrichten
Ich war bereits seit einigen Jahren alleinerziehende Mutter zweier Volksschulkinder, Lektorin für Zeitschriftenverlage und in dieser Funktion viel zu Hause am Computer tätig, der Begriff Homeoffice war damals noch keineswegs in aller Munde. Wenn die Abgabetermine wieder einmal kollidierten, saß ich mitunter wesentlich mehr als acht Stunden an den Texten und Layouts. Nachmittags wollte und musste ich auch immer wieder für die Kinder und ihre Bedürfnisse da sein, und da wir eine musikalische Familie sind, führte ich zum Beispiel meinen Sohn zum Trommelunterricht in den Nachbarort und meine Tochter zum Klavierkurs … das führte aber dazu, dass ich immer wieder noch spät abends oder bis in die Nacht hinein am Computer arbeitete. – In meinem Arbeitszimmer, das gleichzeitig mein Schlafzimmer war. Jedes Kind hatte zwar sein eigenes Zimmer, das Wohnzimmer und der offene Essbereich neben der Küche waren „natürlich“ da für: Essen, ob in der Familie oder mit Gästen und Freunden, Zusammensitzen, Fernschauen, Musikmachen. Das wars. Für meinen Arbeitsplatz gab es kein Extrazimmer. Da das Schlafzimmer recht groß war, hatte ich meinen Schreibtisch und die Regale kurzerhand dorthin gestellt.
Berufstätiger Tagesablauf
In den heftigeren Arbeitsphasen kurz vor Abgabeterminen sah mein Tag so ungefähr aus: Übernächtig aufstehen – mit Blick auf den Computer –, schnelles Frühstück, Kinder aus dem Haus, arbeiten, kleine Hausarbeits„pausen“, Kinder kommen heim, schnell was kochen, Kinder spielen, machen Hausübung, brauchen was von mir, Zeit mit ihnen verbringen, arbeiten, nötigste Garten- und Hausarbeit erledigen, Abendessen, vllt. etwas gemeinsam spielen, Küche aufräumen, weiter arbeiten am Computer, Kinder (meist unwillig) ins Bett bringen, noch arbeiten, bis mir die Augen fast zufallen oder alle Tasks erledigt sind. Endlich, immer wieder erst nach Mitternacht, völlig erledigt ins Bad, Zähne putzen und – wieder ins Arbeitszimmer – bzw. Schlafzimmer – kriechen. Und dort lege ich mich nieder, mit Blick auf den Computer und all den unaufgearbeiteten Gedanken und Gefühlen im Kopf und Bauch.
Obwohl ich damals chronisch übermüdet war, schlief ich schlecht und unruhig und wachte morgens vom Wecker angeschrien wie gerädert auf.
Die Wohnzuhörerin
Als sich dieser belastende Zustand schon kaum mehr aufrechterhalten ließ, bekam ich einmal Besuch von der Mutter eines Schulfreundes meines Sohnes. Sie war Architektin und eine sehr beeindruckende Frau und Gesprächspartnerin. Sie hatte in den 90ern als eine der Ersten eine Ausbildung zur Lebensberaterin gemacht, weil sie ihre Kunden besser verstehen und bedürfnisorientiert planen wollte.
Ich erzählte ihr – ganz unabhängig von meinem Stress und den gesundheitlichen Problemen –, dass meine Wohnung zwar flächenmäßig groß war, aber leider trotzdem ein Zimmer zu wenig hatte.
Als Lebensberaterin und somit geschulte Zuhörerin und durch treffende Fragen kitzelte sie so einige bisher unhinterfragte Vorstellungen aus mir heraus. Zum Beispiel fragte sie mich, ob meine Gäste wirklich ein Esszimmer UND ein Wohnzimmer bräuchten, um sich bei mir wohlzufühlen, und ob wir denn tatsächlich „nach dem Dinner in den Salon wechselten“. Humorvoll, ein wenig provokant – so ermöglichte sie mir ein echtes Aha-Erlebnis: Ich hatte, wie so viele Menschen, aus der Familientradition einfach die Vorstellung übernommen, dass „man“ ein Wohnzimmer braucht – für Gäste und zur Erholung.
Indem sie mir auf ihre freundlich-humorvolle Art eine Außensicht nahebrachte, konnte ich mich selbst und meine verfahrene Situation auch einmal von einer unernsten, lustigen Warte betrachten, und das brachte mir die innere Freiheit, neue Sichtweisen und schließlich Lösungsmöglichkeiten ins Auge zu fassen.
Es tat mir also eindeutig nicht gut, im gleichen Raum zu arbeiten und zu schlafen, besonders wenn die Arbeit so überbordend viel Raum einnahm. „Viel Raum einnehmen“ – die Phrase ist tatsächlich ein sehr passendes sprachliches Bild für meine damalige Lebenssituation! Wie konnte ich in dieser Konstellation noch Abstand von der Arbeit (Existenzsicherung) gewinnen und Energie durchs Schlafen ziehen?
Aber ich steckte eben mitten in diesem Leben und hatte noch viel zu wenig Abstand zu mir selbst und meinen Vorstellungen von richtig und falsch, um zu erkennen, was ich ändern, verbessern könnte.
Ohne mich in eine Richtung zu drängen, gab sie mir einerseits ein paar Ideen mit auf den Weg und ließ mir andererseits die Zeit, selbst und mit mehr Distanz auf mein Wohnthema zu schauen.
Die zündende Wohn-Idee und -Lösung
Rasch fand sich die für meine damaligen Bedürfnisse ideale Idee: Ich deutete das Wohnzimmer zum rein persönlichen und allenfalls familiären Wohnbereich um und richtete dort auch meinen Schlafbereich ein. Aber nicht einfach irgendwo, denn ich wollte mich ab nun im Bett geborgen fühlen und Privatsphäre genießen. Der Schlafbereich sollte daher vom Sofa-Fernseh-Bereich, den auch meine Kinder nachmittags und abends gerne nutzten, möglichst getrennt sein. Ein vor dem Bett aufgestellter Kleiderkasten schuf als Raumteiler einen wunderbar geschützten Raum ums Bett.
Ich habe diese einladende „Schlafhöhle“ viele Jahre mit Freude und Wohlgefühl bewohnt, und auch mein Lebensgefährte, der diese gemütliche Raumaufteilung zu Beginn unserer Beziehung erlebt hat, schwärmt noch heute davon.
Die Rückwand, die vom restlichen Raum aus zu sehen war, ließ ich von einer befreundeten Künstlerin mit Naturpigmentfarben in einem angenehm warmen Rotorange bemalen (aus einem früheren Blog weißt du es vielleicht schon: Ich liebe diese warme, anregende Farbe). So entstand in meinem Wohnraum auch gleich eine künstlerische Atmosphäre.
Kleine Maßnahme, große Wirkung
Das Beste an der räumlichen Veränderung war: Mein Nachtschlaf war von dem Moment an tief und erholsam. Meine Verspannungen lösten sich nach und nach auf. Angestoßen durch die intensivere Beschäftigung mit Wohn- und Lebensthemen wurde mir auch zunehmend bewusst, dass ich manche innere Einstellung und Verhaltensweise ändern wollte: nicht mehr zu jedem Auftrag Ja sagen, mich gegen übermäßige Erwartungen (auch eigene) abgrenzen usw.
Die Erfahrung, wie stark moderate räumliche Veränderungen das gesamte Lebensgefühl erheblich verbessern können, war ein ganz wichtiger Puzzlestein für meine weitere Entwicklung hin zur Lebensraumberaterin.
Leben im Raum, das ist es, was unsere Identität als Menschen ganz wesentlich definiert. Und dieses Leben können wir mit Kraft, Energie, Ruhe und Kreativität erfüllen, wenn wir den Raum um uns herum unterstützend gestalten – entsprechend unserer Persönlichkeit, unserem Ausdruckswillen und unseren Bedürfnissen.
Heute bin ich selbst Dipl. Wohnberaterin und Lebensberaterin – und gebe damit u. a. auch weiter, was ich damals als so befreiend und persönlichkeitserweiternd erfahren habe.
Herzlich, Angela Stefan