Wie in Teil 1 schon angedeutet, können wir Farben sehr gezielt einsetzen, um bestimmte psychologische Wirkungen zu erzielen.
(Teil 2)
Ein starkes Beispiel für die positive Wirkung von Farben erlebte ich schon vor vielen Jahren, als das Thema noch misstrauisch beäugt wurde und sich die wenigsten überhaupt merkbare seelische Auswirkungen von der Farbwahl im Wohnen erwarteten.
Wie Kinder von gezielt eingesetzten Farben profitierten
Bekannte hatten zwei Kinder im Volksschulalter, das eine neigte zu aggressiven Ausbrüchen, das andere hatte bereits depressive Verstimmungen. Die Eltern waren schon verzweifelt, sie wussten nicht, wie sie das eine Kind beruhigen, ihm mehr Ausgeglichenheit ermöglichen könnten, dem anderen Kind dagegen wieder mehr Dynamik und Antrieb. Nach einigen Versuchen und weil sie den Kindern lieber keine Medikamente geben wollten, entschieden sie sich letztlich für eine psychologische Beraterin. Und die hatte (neben dem therapeutischen Gespräch) eine damals noch außergewöhnliche Idee: die Kinderzimmerwände für eine bestimmte Zeit in unterschiedlichen Farben zu streichen – Rot für das antriebslose Kind, Dunkelblau für das unruhige.
Die Hypothesen dahinter: Die Kinder halten sich sehr viel in ihren Zimmern auf, nehmen über lange Zeit unbewusst die räumliche Umgebung wahr und werden von ihr beeinflusst – und: Farben haben spürbare Auswirkungen auf die seelische Verfassung. Die Kinder entwickelten sich tatsächlich positiv, das eine wurde ruhiger und kooperationsbereiter, das andere begann mehr aus sich herauszugehen und Vertrauen aufzubauen.
Für mich ist das nach allem, was ich heute über die Wirkung von Räumen weiß und weitergeben kann, ein gutes Beispiel dafür, dass wir unseren Lebensraum sehr bewusst nutzen können, um bestimmte Ziele im Leben und mehr Wohlbefinden zu erreichen.
Tradition und Persönlichkeit im Wohnen
Ein kurzer historischer Einschub: In früheren Zeiten – im Mittelalter und Barock – gab es in Europa noch ein tradiertes Wissen über Farb- und Raumwirkungen beim Hausbau. Erst später wurden die intuitiv gewonnen und mündlich überlieferten Erfahrungen in der Architektur marginalisiert.
Spätestens seit den 2010er-Jahren hat sich die Erkenntnis, dass Farben uns massiv beeinflussen, schon wieder weitgehend durchgesetzt, aber aufgrund mangelnder Tradition und Übung trauen sich viele noch nicht zu, ihren eigenen, unterstützenden Farbstil zu entdecken und zu behaupten. Lieber verlässt man sich auf „angesagte“ Wohnmoden und jährlich wechselnde Farbvorschläge in Magazinen. Das ist schade, denn wer einmal seinen persönlichen Farb- und Wohnstil gefunden hat, bekommt zu Hause (bzw. im Homeoffice) sozusagen gratis und ständig Unterstützung – je nach dem, was gewünscht oder benötigt ist: Sicherheit, Zufriedenheit, Ausgeglichenheit, Kreativität, Motivation, Dynamik …
Individuelle Wunschfarben finden
Welche Farben (für Wände bzw. auch Möbel) zu dir, deinem Charakter und deinen Vorlieben und Zielen passen, kannst du herausfinden, indem du in nächster Zeit die Farben zu Hause, bei Freunden, im Büro, in Hotels oder Geschäften ganz bewusst auf sich wirken lassen.
Oder lass dir in einem Möbelgeschäft oder Baumarkt eine Farbkarte mit Stoff- oder Wandfarbenmustern geben. Achtung dabei: Die gezeigten Farbmuster sind sehr klein und du wirst die Farben weniger intensiv wahrnehmen, als sie dann auf einer großen Fläche tatsächlich wirken! Und: Möbel, Material und Beleuchtung wirken bei der Farbwahrnehmung natürlich auch herein.
Farbenspiel der Natur
Die größte Lehrmeisterin für Farben und ihre Wirkung ist und bleibt aber die Natur. Gehe in den Wald, streife durch Wiesen- und Ackerland und achte ganz bewusst auf die erstaunlichen und vielfältigen Farben- und Lichtspiele. Jeder Stein hat seine eigenen Grau-, Rosa- oder Gelbtöne, die Federn der Vögel changieren von matten bis zu hochglänzenden Nuancen aller Farben, die Schattierungen der Blätter von Bäumen oder der Blüten von Stauden leuchten zu jeder Jahreszeit in unzählbaren Varianten.
Welche Farben sprechen dich besonders an – und was verbindest du damit? Lass dich beeindrucken von den Farbkombinationen, und nimm ein Gefühl dafür mit nach Hause. An welche Farben erinnerst du dich immer wieder und mit Freude nach deinen Ausflügen in die Natur? Achte auf deinen ersten im Körper spürbaren Impuls – Entspannung? Verkrampfung? Wärme/Kälte? etc. Und was löst er emotional aus – Resonanz? Hinwendung? Oder Ablehnung? Verunsicherung? Freiheit, Lust, Gemütlichkeit, Unruhe?
Die seelische Wirkung der Farben spüren
Mit ein wenig Übung oder, wenn du dir unsicher sind, mit professioneller Begleitung gelingt es dir sicher, deine ureigensten, persönlichen Reaktionen zu entdecken, die Farben zu „spüren“.
Daraus lassen sich innere Bedürfnisse ablesen – z. B. nach Ausgeglichenheit und Geborgenheit oder nach Kreativität und Freiheit etc. du entwickelst nach und nach ein Gefühl für „deine“ Farben – das sind jene, die dich in deinem persönlichen Lebensausdruck unterstützen. Schon der Architekt Le Corbusier sagte: „Farbe gehört zu unserem Sein. Vielleicht hat jeder von uns seine eigene.“
Um dein Ziel zu erreichen, kannst du entsprechend wirkende Farben vermehrt einsetzen, um in deinem Lebensraum jeden Tag zielführende Reize zu erhalten.
Aber bitte möglichst keine übermäßigen Farborgien! Wenn du alle Wände in einer Farbe streichst und dazu noch Möbel und Accessoires in dieser Farbe kaufst, wirst du bestimmt sehr bald erdrückt werden, und der positive Effekt kann sich verlieren. Es genügt und ist auch deutlich geldsparender und umweltschonender, wenn du das eine oder andere strategisch platzierte Zubehör wie Polsterbezüge (ganz leicht selbst zu nähen), Vorhänge, farblich ausgewählte Poster oder eine einzelne farbige Wand einsetzt.
Versuche es. Ich freue mich darauf, von deinen Erfahrungen zu lesen.
Herzlich, deine Angela Stefan

