Wenn das Arbeiten im Homeoffice Probleme macht, stimmt meist etwas mit der Einrichtung und Umgebung des Heimarbeitsplatzes nicht!
Ein Guter Platz
Heute möchte ich dir etwas erzählen, was mich richtig gefreut hat.
Eine Bekannte, ich darf sie hier Caroline nennen, plagte sich vor einigen Jahren mit ihrer Arbeit im Homeoffice – als freie Mitarbeiterin im Kreativbereich arbeitete sie schon vor der Covid-Pandemie meistens zu Hause. Sehr bald fühlte sie sich bei der Arbeit aber überhaupt nicht wohl – ständig abgelenkt und nervös, hatte sie immer öfter Kopfschmerzen und Verspannungen. Ihre Kinder im Volksschul- bzw. Gymnasiumsalter machten konzentriertes Arbeiten am Nachmittag auch nicht leichter: Sie trudelten oft vorbei, fragten nach Zwischenmahlzeiten oder um Hilfe bei den Hausübungen. Noch schlimmer war es, wenn aus den Kinderzimmern Streitereien zu hören waren oder die Kleinere „um Hilfe“ rief. Klar, die Jüngere provozierte oft, aber der Ältere teilte dann ohne Hemmung aus. Das Verhalten der Kinder empfand sie als rücksichtslos. Wenn sie aber mit ihnen schimpfte, hatte sie danach oft Gewissensbisse und fühlte sich als schlechte Mutter, die zu wenig Verständnis und Zeit für ihre Kinder hat. Besonders während beruflicher Telefonate waren Caroline solche Störungen richtig unangenehm und peinlich. Sie hatte Angst, dass wildes Kindergeschrei im Hintergrund während der Arbeitszeit sie bei ihren Gesprächspartnern als wenig kompetent oder zuverlässig erscheinen lassen könnte. Dabei hatte sie so große Erwartungen an die Selbständigkeit und das frei einteilbare Arbeiten zu Hause, sie wollte schöne Aufgaben für coole Medien übernehmen. Doch hier mitten im häuslichen Trubel fühlte sie sich nur mehr genervt und überfordert.
Wenn man selbst in einer belastenden Situation steckt, hat man meist nicht den Überblick und die Distanz zu sich und seinem Problem, die man benötigen würde, um Ursachen und Möglichkeiten zur Verbesserung zu erkennen, das ist ganz normal. Genau deshalb hilft eine zielorientierte kompetente Beratung durch Expert:innen, die nicht persönlich in das Thema verstrickt sind. Daher bot ich Caroline eine Lebensraumberatung an.
Ich besuchte sie an einem ganz normalen Nachmittag in ihrer Wohnung, während die Kinder da waren und sie einen Auftrag anstehen hatte. Sie erzählte: „Ich schaffe es nicht, mich auf eine Aufgabe zu fokussieren oder endlich wieder mal in einen kreativen Flow zu kommen, die Fantasie fließen zu lassen. Darum brauche ich oft furchtbar lang für die Erledigung von Tasks und gebe meine Arbeit oft zu spät ab. Jetzt beschweren sich schon bestimmte Geschäftspartner.“ Ihre Sorge, Aufträge zu verlieren, war damit womöglich nicht ganz unbegründet.
Ursachen erkennen
Für mich war ergab sich rasch ein klares Bild der Problemlage: Carolines Computer und die Arbeitsunterlagen besetzten die Hälfte des Esstischs, und der lag relativ zentral in der Wohnung. Sie setzte sich hier vielen konkurrierenden Einflüssen und Anforderungen gleichzeitig aus: Arbeit, Kinderbetreuung, Kochen, Essen, Kommunikation – wie in einem Durchhaus strudelte das gesamte Geschehen daran vorbei, rundherum, alles schien dort drüber und drunter zu gehen, gleichzeitig zu passieren. Irgendwie passte das zwar zu Carolines aufgeweckter, lebendiger Art und zum kreativen Arbeiten, das auch sozialen Austausch braucht. Aber hier war von allem einfach viel zu viel: zu viele Funktionen an einem Ort, zu viel Bewegung, zu viele Störungen. Das konnte auf Dauer nicht gut gehen: für ihre berufliche Tätigkeit, für ihre familiären Wünsche und Pflichten – und für ihr persönliches seelisches und körperliches Wohlbefinden, das schon zu leiden begonnen hatte.
Ein anderer, meist stark unterschätzter Faktor erhöhte ihren inneren Druck zusätzlich: Sie saß mit dem Rücken zur Tür. Studien belegen: In dieser Sitzposition gehen rund 30 % der Konzentration verloren, da sich der Mensch seinen archaischen Instinkten entsprechend unbewusst zu schützen versucht und daher stets in einem Zustand von Alarmbereitschaft ist. Für mich war es daher nicht verwunderlich, dass sie sich dauernd gestört, genervt und erschöpft fühlte und zu wenig Energie für ihre eigentlichen Aufgaben hatte. Ich erzählte ihr davon und bat sie, den gesamten Raum und speziell ihren Arbeitsplatz mit dem für sie neuen Wissen einmal „von außen“ anzuschauen. Es war ein Aha-Erlebnis für sie, die massiv überfordernden Einflüsse zu erkennen, denen sie sich ununterbrochen aussetzte.
Es beruhigte sie zu erfahren: Wir können unseren Lebensraum so nützen, dass er uns Kraft gibt, ausgeglichen und zufrieden macht. Das wollte sie zwar sehr gern erreichen, meinte aber resignierend: „Ich habe doch gar keinen anderen Platz in dieser Wohnung, wo ich arbeiten kann. Einen schnellen Rat„schlag“ zu geben wäre jetzt kontraproduktiv gewesen. Denn wenn jemand nicht selbstverantwortlich zu einer Veränderung steht, wird sie nicht lange halten oder bald wieder unzufrieden machen.
In der Zeit bis zum nächsten Termin versuchte Caroline, ihre Empfindungen an ihrem Arbeitsplatz im Lichte des neuen Wissens immer wieder bewusst wahrzunehmen und danach aufmerksam durch die Wohnung zu gehen und einzufühlen, wo sie sich beim Arbeiten wohler fühlen könnte. Reines Brainstorming also, ganz ohne Bewertungen vorzunehmen.
Individuelle Lösungen finden
Bei unserem zweiten Treffen hatte sie schon ein sehr ausgeprägtes Gefühl dafür, was sie sich in der letzten Zeit alles zugemutet hatte. Sie war inzwischen überzeugt, dass sie sich das Arbeits- und Familienleben erleichtern und sich selbst mit mehr Wertschätzung begegnen wollte. und sie begann schon ein paar Ideen zu sammeln, wo sie den Arbeitsplatz künftig platzieren könnte. Beim letzten Mal hatte sie noch gedacht, es gäbe keine Möglichkeiten zur Veränderung, doch durch die Beschäftigung mit ihren Bedürfnissen weitete sich ihre Perspektive, und plötzlich schien so vieles möglich, verlockend und machbar. Ich regte sie dazu an, noch weitere Möglichkeiten zu finden, vernünftige und auch ganz verrückte. Anschließend ging es darum, jede Idee darauf zu prüfen, ob sie für Carolines berufliche Tätigkeit, ihr familiäres Zusammenleben und ihr persönliches Wohlbefinden vorteilhaft sein würde.
Schließlich traf sie ihre Entscheidung, an welchem Platz und an welchem Tisch sie künftig arbeiten wollte – es wurde ein selten gebrauchter Klapptisch, den sie in einer ruhigeren Ecke platzierte. Sie konnte hier mit Blick auf die Tür und von hinten durch die Wand geschützt sitzen, sodass sie alles unter Kontrolle hatte, selbst aber außerhalb des „Durchzugs“ saß.
In einem dritten Treffen entwickelten wir gemeinsam mit den Kindern realistische und verlässliche Vereinbarungen, um ruhige Arbeitsphasen für Caroline zu gewährleisten.
Nach einiger Zeit erkundigte ich mich bei ihr und erfuhr, dass es ihr beim Arbeiten schon viel besser ging und wider Erwarten auch die Kinder nun besser akzeptierten, dass Mama eine Zeitlang ihre Ruhe zum Arbeiten brauchte. Irgendwie schien das ganze gemeinsame Leben etwas ruhiger zu werden, und Caroline wirkte am Telefon jetzt fröhlicher, lachte wieder öfter und jammerte weniger.
Nach einer längeren Pause trafen wir uns kürzlich wieder – und Caroline erzählte, dass es ihr inzwischen immer besser gegangen war. Sie konnte sich an ihrem neuen Platz viel besser konzentrieren, hatte wieder mehr Freude an ihrer Arbeit und erhielt Anerkennung dafür. Sie hatte auch begonnen, selbst damit zu experimentieren, welche Veränderung im Wohnraum welche Wirkung im Leben haben würde. Das macht ihr viel Spaß, und sie erlebt sich jetzt viel selbstwirksamer und zuversichtlicher. Sie hat es so ausgedrückt: „Ich fühl mich jetzt in schwierigen Situationen rascher nicht mehr so ausgeliefert. Jetzt weiß ich, dass ich irgendwann etwas unternehmen werde, um es mir leichter zu machen, das konnte ich früher nicht so, das gibt mir jetzt mehr Sicherheit.“
Wie schön, dass mit kleinen Intervention so viel nachhaltiges und kreatives Bewusstsein dafür entstanden ist, wie wir unseren Lebensraum bewusst nützen können, um Kraft und Zufriedenheit im Leben zu erreichen.
Hast du auch schon mal eine Erfahrung dieser Art gemacht? Ich freue mich auf deine Geschichte.
Herzlich, Angela Stefan

