Farben passend einsetzen

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Gibt es richtige und falsche Farben?


(Teil 1) 

Wie Wandfarben im Wohnraum wirken

Kürzlich hat mich jemand gefragt, welche Farbe er für die Wände im Wohnzimmer verwenden sollte. Und gleich hinzugefügt: „Rot aber nicht. Das macht ja so aggressiv.“ Eine andere Kundin war mit den erst vor wenigen Jahren weiß gestrichenen Außenwänden ihres Einfamilienhauses unzufrieden, weil das „total langweilig ausschaut“. Ist das so?

Die meisten Menschen gehen davon aus, dass jede Farbe eine festgeschriebene Wirkung hat und dass es „die richtige Farbe“ für jedes Einsatzgebiet gibt. Oft kommt es dabei zu Missverständnissen aufgrund von Verallgemeinerungen.

In Wirklichkeit ist es nämlich weit vielschichtiger. Wie eine Farbe auf uns wirkt, hängt von so vielen Faktoren ab: rein physikalisch von der Textur und Dichte des verwendeten Farbmaterials, der Echtheit oder chemischen Zusammensetzung der Pigmente, der Kombination mit anderen Farben, von der Tageszeit, den Witterungsverhältnissen, der Beleuchtung im Raum, der Raumgröße bzw. seinen Proportionen …

Biologisch gesehen nehmen wir Farben (und Licht) nicht nur optisch auf, sondern erstaunlicherweise sogar direkt über Hautsensoren!

Die Farbwirkung hängt natürlich auch von der Leistungsfähigkeit der Augen ab – und damit vom Alter: Mit zunehmendem Alter sehen Menschen Farben immer dunkler. Eine rote oder braune Wand kann einem alten Menschen also schon (fast) schwarz und damit düster oder sogar bedrohlich erscheinen. Wenn man bedenkt, dass einerseits die Sehfähigkeit sowieso meist nachlässt und andererseits alte Menschen auch manchmal von (Alters-)Depression betroffen sind, erscheint es also nicht sinnvoll, dunklere oder allzu satte Farben in deren Wohnumgebung einzusetzen.

Diesen Zusammenhang versuche ich gerade jüngeren Menschen bewusst zu machen, denn: Oft richten die inzwischen erwachsenen Kinder oder Enkel eine altersgerechte, meist kleinere Wohnung für Mama/Papa oder Oma/Opa ein. Und die soll ihnen ja Freude machen und den veränderten Bedürfnissen gerecht werden.

Unterschiedliche Wirkung von Farben

Da sind wir schon beim nächsten Punkt: Sehr wichtig für die Wahrnehmung, Verarbeitung und Bewertung von Farben sind psychologische Faktoren – Persönlichkeit, seelische Verfassung und auch, welche Ziele man in seiner Wohn- und Arbeitsumgebung verfolgt.

Farben wirken auf jeden Menschen unterschiedlich, Rot ist dafür ein gutes Beispiel, denn es polarisiert besonders stark. Eine meiner Freundinnen würde niemals auch nur einen Rottupfer auf ihren Accessoires oder sogar als Blumenfarbe im Garten zulassen, sie empfindet Rot als schreiend, aufdringlich, ablenkend, gewalttätig, aggressionsfördernd, gefährlich … Eine andere, gemeinsame Freundin wiederum liebt diese in ihren Augen energetisierende, dynamische, aufmerksamkeitfördernde Farbe. Ich selbst habe zu Hause von einer chilenischen Künstlerin und Restauratorin eine einzelne Wand im Wohnzimmer in einem leicht changierenden Orangerot mit Naturpigmenten nach dem Vorbild mexikanischer Hausmauern bemalen lassen. Vom Sofa aus sehe ich schräg auf diese für mich wunderschöne Wand und empfinde immer wieder das Gefühl von Geborgenheit, Wärme, Freundlichkeit, Aufgehobensein und auch Kraft.

Man kann das Spiel für alle Farben spielen, jeder Mensch wird sie anders „sehen und spüren“. Jeder Farbe werden also sehr divergierende Attribute zugeschrieben. Im Internet findest du zahlreiche Farbtabellen, einen Überblick bietet z. B. die Website eines Farbenherstellers: www.keim.com/de-at/farbpsychologie/. Oder das ausführliche Buch von Eva Heller: Wie Farben wirken.

Natürlich tragen auch Moden und der Zeitgeist dazu bei, wie wir Farben einschätzen, ob wir sie akzeptieren und ästhetisch finden. Orange und Braun war zum Beispiel eine sehr beliebte Farbkombination bei Fashion, Möbeln, Wanddeko in den 1970ern, wie sich die „Boomer“-Kinder aus meiner Generation noch erinnern werden. Später war die Kombi total verpönt, doch in den letzten Jahren sieht man sie immer wieder im Zuge der Retrowelle und weil heute wieder viel mehr nebeneinander „erlaubt“ ist.

Kalte und warme Farben im Wohnraum

Wenn du deine Räume gestaltest, kannst du dich ruhig trauen, an den Wänden Farben einzusetzen. Was grundsätzlich gilt: Es gibt kalte und warme Farben, dadurch kann eine Grundfarbe in ihren speziellen Nuancen sehr unterschiedliche Auswirkungen haben. Warme Farben wirken auf der psychologischen Ebene (grob vereinfacht) eher beruhigend, verströmen Sicherheit und Geborgenheit, einige finden sie zu erdig, dämpfend. Kalte Farben wirken dagegen eher klar, sie vermitteln Kompetenz, Frische und Dynamik, manche empfinden sie als unruhig bzw. beunruhigend, hart und aggressiv.

Weiß beim Wohnen

Ein eigenes Thema ist die Farbe Weiß, sie ermöglicht natürlich alle denkbaren Kombinationen, vermittelt Frieden, Offenheit, Freiheit, Entfaltungsmöglichkeit. In unserem Kulturkreis wird Weiß seit eh und je auch mit dem Göttlichen assoziiert und galt im Volksglauben als Farbe der Abwehr gegen Krankheiten und bösen Zauber. Übrigens unterscheidet sich hier die europäische Tradition stark von der ostasiatischen. Während also seit dem frühen Christentum Weiß die Farbe des Göttlichen war (allerdings wurde im germanischen Raum bis zur Neuzeit Rot als festliche liturgische Farbe eingesetzt), steht in China Weiß für Trauer und Tod. Möglich, dass das mit ein Grund ist, warum die ursprünglich im asiatischen Raum beheimatete Wohnlehre Feng Shui Weiß im Wohnraum eher skeptisch beäugt: Zu viel Weiß vermittle Unklarheit und erschwere Entscheidungen. Solche Zuschreibungen sollten möglichst nicht verallgemeinert werden.

Wie Weiß oder jede andere Wand- und Einrichtungsfarbe auf die eigene Gefühlslandschaft wirkt, erlebt jede Person anders und ist auch abhängig von Situation und Einsatzort und -gebiet. Erfahrung, Ausprobieren, Einfühlen und letztlich die gemeinsame Abstimmung über die Farbwahl in der Familie/Partnerschaft sind der Königsweg, bei dem man sich natürlich immer durch Experten unterstützen lassen kann. Was wir zusammenfassend erkennen können: Beim Einsatz von Farben geht es nicht um „richtig oder falsch“, sondern um „passende“ Lösungen – passend für die das jeweilige Einsatzgebiet UND das persönliche (seelisch/mentale oder zielorientierte) Bedürfnis.

Wissenschaftlich bewiesen: psychologische Farbwirkung

Dass Farben uns tatsächlich intensiv beeinflussen, wurde übrigens inzwischen wissenschaftlich bestätigt, etwa durch Studien des Professors für Didaktik der Visuellen Kommunikation von der Universität Wuppertal Axel Buether (axelbuether.de).
Er schreibt über sein Forschungslabor: „Wir erforschen die vielfältigen Wirkungen der Umweltfaktoren Farbe und Licht auf das menschliche Erleben und Verhalten, auf Gesundheit und Wohlbefinden, Gefühle, Denken und Entscheidungen in konkreten Alltagssituationen.“
Und er kommt zu dem informierten Ergebnis: „Begleitet von den richtigen Farben, fühlt man sich wohler und lebt gesünder, ist wacher und aufmerksamer, denkt und lernt konzentrierter und kommt schneller zur Ruhe.“ 

Heute hast du etwas über Farben und ihre Wirkung im Allgemeinen erfahren – manches wusstest du vielleicht schon … Im nächsten Blogbeitrag erzähle ich Dir von einem konkreten und sehr erstaunlichen Beispiel dafür, wie erfolgreich wir Farben für bestimmte psychologische Ziele im Wohnen einsetzen können. 

Herzlich, deine Angela Lahrmann