Wohnen als menschliche Grundbedingung

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Im Zuge meiner Ausbildungen habe ich viel über Wohnen und das menschliche Leben im Raum gelesen. Besonders beeindruckt hat mich der 
„Philosoph des Wohnens“
, Otto Bollnow. Von seinen sehr grundlegenden Gedanken über Raum, Mensch und Wohnen möchte ich dir heute kurz erzählen.

Merkmale des Hauses – Sicherheit

Bollnow, der sich u. a. in seinem 1963 erschienen BuchMensch und Raum mit den Bedingungen des menschlichen Lebens im Raum beschäftigte, zeigte, dass menschliche Raumkonzepte ursprünglich eng verknüpft waren mit dem Besiedeln einer Gegend, die „geräumt“ wurde, um eine Siedlung anzulegen. Diese bot Schutz und Sicherheit für die Menschen, die dort zusammenlebten. Die Wohnhöhle und später das gebaute Haus (heutzutage auch die Wohnung) war und ist für den Menschen das „Zentrum der Welt“. Es ist die private Domäne, in die er sich zurückzieht. Im Haus verrichtete der Mensch das alltägliche Werk, deshalb wurde es bald strukturiert entsprechend den menschlichen Arbeiten.

Öffnungen – Türen und Fenster

Das Haus hat Öffnungen nach außen: einerseits Fenster, die Licht hereinlassen und gleichzeitig zur Beobachtung des Außen dienen; Fenster gelten noch heute als die „Augen des Hauses“. Andererseits hat das Haus Türen, die Schutz vor unwirtlichen Bedingungen und Eindringlingen bieten. Außerdem verlässt der Mensch durch die Tür den sicheren Ort, wandelt auf allerlei Pfaden und Wegen entsprechend den Aufgaben, die er/sie draußen hat – und kommt wieder hierher zurück, um die Nacht im Schutz des Hauses zu verbringen (selbst wenn es im Laufe der Geschichte vorübergehend die Herberge oder das Hotelzimmer etc. wurde).

So ist der Mensch von Anfang an ein Wohnender und ein Wanderer.

Ausschließen und Einladen

Wen er hereinlässt in sein Haus (seine Wohnung), entscheidet nicht nur der frühe Mensch nach sozialen und Sicherheitskriterien: Er unterscheidet in Freunde und Fremde, die er hereinlässt oder ausschließt, zu welchem Zweck sich Schlösser, Schlüssel und die Hausschwelle entwickelt haben. Die Schwelle ist ein visuelles Symbol dafür, dass Menschen, die sich nähern, nun eine Grenze vom öffentlichen zum privaten Raum überschreiten. Ihnen ist aus Erfahrung und Lernen bewusst, dass sie sich nun den Regeln der Hausgemeinschaft unterwerfen müssen. Aber auch Gastrecht und Gastfreundschaft sind Werte, die sich im Laufe der Zeit in Gesellschaften ausgebildet haben.

Das Bett – sicherer Rückzugsort

Besondere Bedeutung als wichtigstes Zentrum und intimster Ort des Hauses räumt Bollnow dem Bett ein. Das Bett ist immer der Ausgangspunkt für die Hinbewegung zur Arbeit (im Außen) sowie der Platz, zu dem man zurückkehrt, um sich zu regenerieren.

Die Aspekte Ausgangs- und Rückzugspunkt sind auch im Sinne des menschlichen Lebenszyklus zu sehen: Der Mensch wird im Bett geboren und stirbt im Bett. Es ist zusammen mit dem Haus der Fixpunkt seiner alltäglichen Existenz, der ihn wesentlich bestimmt in seinen alltäglichen Handlungen und ihm Sicherheit gibt für seine Verrichtungen im Außen. 

Zu aller Anfang ist der Mensch im Raum geborgen

Zum Thema Wohnender und Wanderer stellt sich Bollnow gegen die Philosophie der Existenzialisten, die den Menschen allem voran in seiner Einsamkeit und seinem Ausgesetztsein begriffen, als einen „in die Welt Geworfenen“. Dem setzt er das tröstliche und erhellende Bild entgegen, dass der Mensch zuvor „in die Krippe des Hauses gelegt“ ist, wodurch Bollnow als wichtiger „Philosoph des Wohnens“ den prinzipiell schützenden Aspekt des Raums hervorhebt.

Indem Bollnow weit zurückgeht in die Vorgeschichte, vermittelt er uns ein Gefühl dafür, wie tiefgreifend und mächtig das Erleben von Raum für uns, auch heutige, Menschen wirkt – auch wenn es uns üblicherweise keineswegs bewusst ist. Wohnen ist demnach eine „grundlegende Bedingung des Menschen“. Und sogar: Das Gefühl von Sicherheit, das wir durch das Wohnen erlangen, nennt er eine Grundbedingung für die Selbstidentifikation des Menschen.

Wohnen bedeutet zu Hause sein. Als Wohnender findet der Mensch sein eigenes Wesen und ist im vollen Sinne Mensch. Anders, moderner gesagt: Die Zufriedenheit mit dem eigenen Wohnen hat auch großen Einfluss auf die Lebensqualität.

Es sind solche überzeugenden Gedanken und Erkenntnisse, angereichert mit meinen eigenen Erfahrungen und Folgerungen, die mich in so anhaltende Begeisterung für das Thema Wohnen versetzen. Und das Wissen weitergeben zu können macht mir große Freude. Besonders wenn ich Menschen damit helfen kann, ihr Zuhause so einzurichten bzw. zu strukturieren, dass sie sich dort richtig wohl und ausgeglichen, kreativ und dynamisch fühlen.

 Deine Angela Stefan