Kürzlich habe ich die Immobilienmesse besucht, um up to date zu sein, wie größere Bauträger aktuell bauen. Dabei ist mir etwas besonders ins Auge gesprungen: Erstaunlich viele Grundrisse sind auffällig unregelmäßig, verwinkelt, haben Ecken in alle Richtungen und wirken ziemlich unübersichtlich.
Als ich einen Messestand-Berater zu den Gründen befragte, antwortete er, etwas überrascht, aber schlagfertig: „Eine Wohnung muss nicht immer rechteckig sein, das ist doch langweilig, wir wollen unseren Kunden kreative Wohnungen bieten.“ Nun ja, ich selbst nehme ehrlich gesagt eher an, dass Bauträger jeden bebaubaren Zentimeter ausnützen, denn Grundstücke sind teuer und werden deshalb meist so eng wie möglich bebaut. Die hohen Ausgaben sollen herein- und ein schöner Gewinn dabei herauskommen. „Da geht es um jeden Cent pro Quadratzentimeter“, wie mir Vertreter der Baubranche immer wieder versichert haben.
Einige meiner Bekannten und Freund:innen, denen ich diese unregelmäßigen, verwinkelten Baupläne gezeigt habe, meinten: „Ach, da gewöhnt man sich doch sicher dran, das fällt einem doch bald gar nicht mehr auf.“ … Stimmt schon, bewusst nehmen wir das meiste schon nach kurzer Zeit nicht mehr wahr. Immerhin verbringen wir viele Stunden in der eigenen Wohnung, wir schlafen, kochen, essen, putzen und verbringen Freizeit in den eigenen vier Wänden, seit den Lockdowns arbeiten auch immer mehr von uns zu Hause. Sofern die Zustände nicht extrem störend wirken, sorgt der (scheinbare) Gewöhnungseffekt dafür, dass unser bewusstes Wahrnehmungs- und Aktivitätsfenster freigehalten wird für „Wichtiges“ und „Akutes“.
Damit ist die Störung allerdings keineswegs eliminiert – sie wirkt unterhalb der bewussten Wahrnehmungsgrenze weiter und beeinflusst unsere geistigen und emotionalen Vorgänge, auf Dauer kann sie sogar unser Wohlbefinden beeinträchtigen.
Einer der unkonventionellen Grundrisse, von denen ich oben erzählt habe, ragt wie ein Stern in drei Richtungen, wodurch sich mehrere schräge Wände ergeben, die zweite Etage dieser Maisonette ist wieder anders geschnitten, manche Räume weisen neben schrägen Außenwänden auch Einschnitte auf, sodass künftige Bewohner:innen allein schon mit der Möblierung ihre liebe Not haben werden.
Unabhängig von Gestaltungsfragen bedeutet ein sehr komplizierter Grundriss eine ständige Herausforderung für unsere Orientierung im Raum. Unbewusst müssen wir ununterbrochen kognitive Anpassungsleistungen erbringen, wie das im Fachjargon heißt, um uns räumlich zurechtzufinden. Denn unser Gehirn ist auf einfache, klare Raummuster „programmiert“: vorne, hinten, rechts, links, und das alles möglichst einfach angeordnet, dann kann das Gehirn, salopp gesagt, das Thema Orientierung getrost ad acta legen und sich mit ganzer Aufmerksamkeit all dem widmen, was uns im Tagesablauf beschäftigt und wichtig ist.
Ich habe in meiner eigenen Wohnung einen störenden Effekt dieser Art erlebt – einer der vielen Puzzlesteine, die mich immer wieder darin bestätigen, wie groß der Einfluss des Wohnens auf unsere Lebenszufriedenheit ist:
Unsere aktuelle Wohnung betritt man durch eine doppelte Flügeltüre. Um in den größeren Teil der Wohnung zu gelangen, muss man sich gleich nach der Innentür um 90 Grad nach rechts wenden. Tatsächlich jede Person, die zu Besuch kommt, ist später beim Verlassen völlig verwirrt, wendet sich auf der Suche nach dem den Ausgang in alle Richtungen und muss hinausgeleitet werden, nicht nur beim ersten Mal. Das zeigt mir: Orientierung im Raum ist nicht selbstverständlich und sollte vom Grundriss unterstützt werden.
Und noch etwas Merkwürdiges ist mir mit der Zeit aufgefallen: dass ich, obwohl ich mir öfters für den Vormittag eine Erledigung außer Haus vorgenommen hatte, „nicht und nicht aus der Wohnung“ hinauskam, sich meine Pläne verzögerten oder oft erst an einem anderen Tag realisiert wurden. Zuerst hielt ich das für einen lästigen Hang zur Prokrastination. Irgendwann fiel mir auf, dass die Doppeltüre (aus je zwei sehr schmalen Flügeln bestehend, wovon zwei immer geschlossen sind) nur einen engen Ausgangs„tunnel“ bildet und zudem in ein dunkles, kaltes Stiegenhaus führt. All das bewirkte anscheinend, dass der „mentale Aufwand“, die Wohnung zu verlassen, reichlich groß war – aber es spielte sich für längere Zeit unterhalb meiner Bewusstheitsgrenze ab. So hat ein „störendes“ Element in meinem Lebensraum meine Alltagsabläufe auf unerwünschte Weise mitbestimmt.
Ich bin froh, dass mir das, mit Unterstützung eines befreundeten Coaches, endlich bewusst geworden ist, so kann ich gegensteuern. Mein Ziel: meinen inneren Widerstand gegen das Verlassen der Wohnung auflösen, um im Alltag effizienter zu werden. Wie könnte das gelingen? Ein paar Ideen (auch verrückte) fielen mir schnell ein, nun musste ich noch überlegen, welche am besten realisierbar und zufriedenstellend ist …. Meine Lösung: breitere Ein-/Ausgangstürflügel und eine freundlichere Gangbeleuchtung, um „leichter aus der Wohnung zu kommen“.
Seitdem ich die Situation täglich bewusst wahrnehme und einen Plan zur Verbesserung habe, kommt mir vor, dass das Problem schon kleiner wird. Wenn ich mir jetzt etwas außer Haus vornehme, scheint sich meine unangenehme Gewohnheit, Erledigungen hinauszuzögern, langsam aufzulösen. Damit das auch langfristig so bleibt und meine Wohnumgebung mich in meinen alltäglichen Vorhaben unterstützt (statt bremst), werde ich meine geplante Lösung auf jeden Fall umsetzen.
Solche Gegebenheiten im Lebensraum scheinen manchen Menschen zu unerheblich zu sein, um Auswirkungen auf ihre Lebensweise zu haben. Doch tatsächlich machen wir alle ähnliche Erfahrungen, nur bleiben sie meist unerkannt, weil sie nicht ins Bewusstsein treten.
Von einer erstaunlichen, auch wissenschaftlich belegten Erfahrung aus dem täglichen Wohnen, die du selbst sicher auch persönlich öfter machst, erzähle ich dir in einem meiner nächsten Blogs: dem „Gedächtniskiller Schwelle“ …
Mit wohnlichen Grüßen, deine Angela Stefan
