Wie das Gedächtnis von unseren Wohnräumen veräppelt wird – der Gedächtniskiller „Türschwelle“
Kennst du das? Du gehst in ein anderes Zimmer, um dort etwas zu holen oder zu erledigen – und wenn du dort bist, weißt du nicht mehr, was du dort eigentlich wolltest. Mir geht es immer wieder mal so, und das, seit ich denken kann. Auch meine Großmutter erlebte das öfters, und sie befürchtete sogar, das könnten erste Anzeichen von Demenz sein (dabei war sie dann noch mit hundert völlig klar im Kopf). Ich versuchte sie immer mit dem Hinweis auf meine eigenen, noch weit jugendlicheren Vergesslichkeits-Erfahrungen zu beruhigen.
Doch was sind nun wirklich die Ursachen dieses merkwürdigen Phänomens, dass man, kaum hat man die Schwelle zu einem anderen Raum überschritten, vergessen, zu welchem Zweck man hineingegangen ist?
Ein wissenschaftliches Team von der Indianapolis University of Notre Dame um den Kognitions- und Gedächtnisforscher Gabriel Radvansky, der sich diese ganz spezifischen Erinnerungsausfälle auch nicht erklären konnte, wollte der Frage mithilfe wissenschaftlich fundierter Experimente auf den Grund gehen und entwarf folgendes Szenario: Die rund 60 Versuchspersonen packten farbige Gegenstände von einem Tisch in eine Box und trugen sie zu einem anderen Tisch – je nach Versuchssetting standen letztere entweder im selben Raum oder in einem anderen, sodass die Teilnehmer durch eine Türe bzw. über eine Schwelle gehen mussten. Später sollten sie sich an möglichst viele der herumgetragenen Gegenstände erinnern. Es zeigte sich, dass jene Dinge, die in einen anderen Raum getragen wurden, deutlich schlechter erinnert wurden. Dieselben Ergebnisse zeigten sich in einer virtuellen Versuchsanordnung am Computer. Das Durchqueren einer Türe kann also offenbar dem Gehirn den Impuls zum Vergessen geben, die Wissenschaft nennt das einen „räumlichen Aktualisierungseffekt“.
Nun könnte man einwenden, wir leben doch seit vielen Generationen in Umgebungen mit mehreren Räumen, die durch Türen verbunden sind, das müsste unser Gehirn doch inzwischen gecheckt haben?
Doch unser Gehirn ist nun einmal so organisiert, dass jeder einzelne Raum ein „neues Ereignis“ ist. Die zu einem Zimmer gehörenden Gedanken werden beim Verlassen bzw. Betreten eines neuen Raums weggeordnet, sozusagen zu den Akten gelegt.
Außerdem: Durch eine Türe zu treten hat immer einen Szenenwechsel zur Folge, im anderen Raum sieht es anders aus, er ist anders eingerichtet, hat eine ganz andere Funktion in unserem Leben (z. B. Küche, Schlafzimmer, Bad, Büro …).
Einerseits ist das Betreten eines anderen Raumes mit einer gewissen Unsicherheit verbunden, auch wenn dies in unserer heutigen sicheren Wohnumgebung sehr weit unterhalb unserer bewussten Wahrnehmungsgrenze liegt. Andererseits haben wir bestimmte Erwartungen, wenn wir in ein Zimmer gehen, zum Beispiel an seine Funktion oder seine Gestaltung.
Manchmal wird diese Erwartung nicht erfüllt, etwa, wenn wir beim Betreten sehen, dass ein Detail anders aussieht oder ein Accessoire, ein Sessel oder der Bettüberwurf woanders steht bzw. liegt als beim letzten Mal, als wir hier waren. Oder weil es hier unaufgeräumt ist und wir uns schlagartig daran erinnern, dass wir diese Aufgabe hier auch noch zu erledigen haben. Oder weil uns eine Erinnerung überfällt an eine Begebenheit, die irgendwann hier stattgefunden hat, selbst wenn sie noch so unbedeutend und alltäglich erscheint wie das lästige Socken-Aufhängen in der Vorwoche (und dass es uns morgen wieder blüht) oder ein kurzes Gespräch am selben Morgen über das geplante Abendessen und wer es kochen wird.
Was auch immer die un-, halb- oder vollbewussten Gedankenblitze sein mögen – mit dem Über-die-Schwelle-Treten müssen wir uns jedes Mal neu orientieren. Meist nur geringfügig … aber das genügt in manchen Fällen tatsächlich, dass wir uns plötzlich nicht mehr an den Plan erinnern, der uns hierherkommen ließ. Für das Erinnern sind nämlich oft nicht inhaltliche, sondern auch räumliche Gegebenheiten verantwortlich. Und die Türe oder Schwelle ist die „Ereignisgrenze“, an der Altes aussortiert wird, um Platz für Neues zu machen. Ungefähr wie bei einem Computer werden bildlich gesprochen temporäre Dateien gelöscht: Gedanken, die gerade noch da waren, werden durch die neue Raumumgebung verdrängt.
Faszinierend finde ich dabei wieder einmal, wie stark das Erfahren von Raum mit unserem Alltagsleben verwoben ist.
Im Alltag passiert mir das immer wieder, wenn ich nach dem Heimkommen den Schlüsselbund, statt ihn auf der Ablage im Vorzimmer zu lassen, in ein anderes Zimmer mitnehme und dort irgendwo liegen lasse. Das kann dann schon mal die ganze Familie beschäftigen. Detto: Handy – findet sich das bei Ihnen auch gern an den unmöglichsten Orten? Leider steckt es ja mitunter unbemerkt in der hinteren Hosentasche, wenn man aufs WC geht … Ob danach Reis, Wärme oder gar nix hilft, ist noch umstritten, unser Gehirn hat uns zuvor jedenfalls nicht geholfen.
Die Erinnerung an das vorher Gedachte kann übrigens oft nicht einmal mehr zurückgeholt werden, wenn man ins vorige Zimmer zurückkehrt, um sich zu erinnern.
Was laut den Forschern gegen diesen „raumbedingten“ Gedächtnisverlust aber schon helfen kann, sind kleine Erinnerungsstützen, die man von einem zum anderen Zimmer mitnehmen könnte: Wenn ich also die Suppenlöffel in der Küche vergessen habe, könnte ich z. B. auf dem Weg in die Küche meine Hand wie einen Löffel geöffnet halten. Oder wenn ich wie gestern einige Artikel aus dem Arbeitszimmer holen wollte, um sie im Garten zu lesen und die Erkenntnisse daraus für diesen Blog zusammenzufassen, hätte ich irgendeinen Zettel dorthin mitnehmen können, um mir zu merken, was ich holen wollte. Stattdessen wurde ich durch die „neue Umgebung“, wohl vor allem durch den Computer, an andere Aufgaben erinnert und habe den Rest des Nachmittags Überweisungen getätigt und Ablage gemacht. Auch gut und wichtig, und – Glück gehabt –es war auch heute wieder sonnig genug für ein Lesestündchen im Garten.
Helfen dir solche kleinen Hilfsmittel, um dein Gehirn zu überlisten? Und welche funktionieren am besten? Schreibe mir, ich bin gespannt auf deine Erfahrungen, die ich nach Wunsch gerne hier mit anderen am zufriedenen Wohnen und Leben interessierten Leser:innen teile.
Deine Angela Stefan
Quellen:
Gabriel Radvansky von der University of Notre Dame, et al.: The Quarterly Journal of Experimental Psychology, DOI: 10.1080/17470218.2011.571267.
www.wissenschaft.de/erde-umwelt/was-wollte-ich-hier/

